Live Music Now: Wenn Musik im Sinne Yehudi Menuhins berührt – Interview mit Juliane Ellen Dohme
- Beitrag von Ulrike Fieback
- Veröffentlicht unter Menschen
Auf den Spuren Yehudi Menuhins: Interview mit Juliane Ellen Dohme
Hipburn Frau Dohme, erst einmal herzlichen Glückwunsch und viel Erfolg im neuen Amt! Nicht neu ist, dass Sie bereits seit vielen Jahren bei LMN aktiv sind. Welcher Anlass hat damals zu der Entscheidung geführt?
Juliane Ellen Dohme Aus Freiburg – wo ich vorher gelebt habe – kannte ich bereits das LMN-Format. In Hannover angekommen, hatte ich zeitnah Kontakt mit der hiesigen Organisation und wurde gebeten, mitzuarbeiten. Initialzündung für mich war ein Konzert in einer psychiatrischen Klinik in Langenhagen. Mit ihrem Können und ihrer Ausstrahlung haben die jungen Künstler die Patienten mit der Musik in ihren Bann gezogen.
In diesem Moment war für mich klar, dass ich mich einbringen möchte. Ich wollte mithelfen, im Sinne Yehudi Menuhins – der 1977 in England die LMN-Organisation gegründet hat - Musik zu den Menschen zu tragen. Im Kreis der Patienten konnte ich die entspannende Wirkung von Musik, ja vielleicht sogar heilende Momente beobachten. Das hat mich tief bewegt.
Weg von einer imposanten Bühne - hin zu den Menschen in schwierigen Lebenssituationen
Hipburn Zur Philosophie Menuhins gehört, dass die Musiker in Alteneinrichtungen, Heimen, Hospizen, Justizvollzugsanstalten (JVA) oder anderen sozialen Einrichtungen auftreten. Also bewusst weg von einer imposanten Bühne, hin zu Menschen in schwierigen Lebenssituationen. Grenzerfahrungen für die Stipendianten. Welche Feedbacks erhalten Sie von den Musikern? Inwieweit verändert sich die Einstellung zu ihrem künstlerischen Schaffen?
Juliane Ellen Dohme Ich gehe mal einen Schritt zurück und berichte über Menuhins Erlebnisse, als er 1945 vor Überlebenden des Konzentrationslagers Bergen-Belsen spielte. Er äußerste sich danach wie folgt: "Dabei zerbrach die Schale meines Schneckenhauses, im dem ich bis dato gesteckt habe".
Raus aus der Übezelle: Stipendiaten, Soziabilität und Künstlerpersönlichkeit
Soll für die Studierenden heute heißen: Raus aus der Übezelle, hin zu den Menschen. Dieser Dialog, dieser unmittelbare, unhierarchische Kontakt mit dem Publikum lässt sie menschlich reifen, holt sie in die soziale Realität, fördert ihre Soziabilität und formt ihre Künstlerpersönlichkeit.
Die Stipendianten bauen regelrecht Beziehungen zum Publikum auf. So sang zum Beispiel eine Künstlerin in einem von Unruhe geprägten Konzert in der JVA Braunschweig vor Inhaftierten das Wiegenlied 'Guten Abend, Gute Nacht' von Brahms. Plötzlich rief ein Zuhörer aufgeregt: "Das Lied kenne ich. Das hat meine Mutter immer auf polnisch gesungen". Die Sängerin ging darauf ein und sang eine weitere Strophe auf polnisch. Die emotionale Wirkung war überwältigend. In einer Einrichtung für Demente haben es drei Sängerinnen sogar geschafft, dass die Heimbewohner getanzt haben. Das sind für beide Seiten sehr beglückende Momente.
Hipburn Mit einem Führungswechsel innerhalb eines Unternehmens oder einer Organisation gehen oftmals Veränderungen einher oder es ergeben sich neue inhaltliche Ausrichtungen. Welche neuen Projekte sollen Ihre Handschrift tragen?
Erfolgsgeschichte: 250 Konzerte, 80 Studierende, 60 Einrichtungen
Juliane Ellen Dohme LMN konnte dank großzügiger Sponsoren und dem unermüdlichen, ausschließlich ehrenamtlichen Engagement unserer Mitglieder seit dem Gründungsjahr 2004 kontinuierlich wachsen. Um in Zahlen und Fakten zu sprechen: Jährlich führen wir 250 Konzerte in mehr als 60 Einrichtungen durch. Damit fördern wir sogleich fast 80 Studierende der Musikhochschule Hannover nicht nur finanziell, sondern auch menschlich und künstlerisch. Last but not least unterstützen uns mittlerweile über 80 treue Live Music Now Fans als FRIEND. Diesen Erfolgskurs weiter fortzuführen und noch mehr Menschen für die Idee Yehudi Menuhins zu begeistern und zu LMN Unterstützern und Fürsprechern zu gewinnen, ist mein Ziel.
Besondere Musikdynamik: Kinder, Konzerte und klassische Musik
Hipburn Zum Thema Begegnungsgrenzen: Vielen Kindern fehlt der Zugang zur klassischen Musik. Gibt es Überlegungen, Musik auch in die Kitas und Schulen zu bringen? Zum Beispiel im Rahmen eines speziellen Kindermusikprogramms und des spielerischen Heranführens an Instrumente?
Juliane Ellen Dohme Über alle Generationen hinweg - von der Kita bis zum Hospiz – bringen wir Musik zu den Menschen. So gehen wir mit unseren Stipendiaten auch zum Beispiel in das Kinderkrankenhaus auf der Bult, ins Therapiezentrum für autistische Kinder oder in Brennpunktschulen. Die Konzerte mit Kindern und Jugendlichen haben oftmals eine ganz besondere Dynamik, denn gerade Kinder sind hinsichtlich ihrer Rückmeldungen so ehrlich und ungefiltert. Spannend für die Kids ist, wenn ihnen die Instrumente genau erklärt werden und auch schon mal eine Trompete auseinandergenommen wird.
Liebe Frau Dohme, herzlichen Dank für das Gespräch!
www.livemusicnow-hannover.deFotos: Magazin Hipburn
